Leichte Sprache wurde entwickelt, um barrierefreie Kommunikation zu ermöglichen. Mit kürzeren, klar strukturierten Sätzen, leicht verständlichen Worten und Formulierungen oder auch ergänzenden Erklärungen von Begriffen wird möglichst vielen Menschen Teilhabe an sprachlicher Kommunikation – und damit gesellschaftliche Teilhabe ermöglicht. Allerdings konzentrieren sich Übersetzungen in Leichte Sprache bislang auf den Bereich der Informationsvermittlung. Noch wenig berücksichtigt werden andere, etwa künstlerische Textformen. Dem gegenüber steht der in der UN-Behindertenrechtskonvention unterstrichene Anspruch auf kulturelle Teilhabe bzw. auf „kulturelles Material in zugänglichen Formaten“.
Lyrik für alle zugänglich machen
Daher hat Prof. Dr. Christian Zürner, Professor für Soziale Kulturarbeit an der OTH Regensburg, in Kooperation mit Mario Franz, Fachdienst für Leichte Sprache der KJF-Werkstätten, mit den Prüfgruppen „einfach g’macht“ der Straubinger Werkstätten St. Josef und „Die Sprach-Entwirrer“ der Bruder-Konrad-Werkstätten Mitterfels im Rahmen eines Forschungsprojekts fast ein Jahr lang Gedichte von der Klassik bis zur Gegenwart bearbeitet. Gerade die besonders kunstvolle und eigenwillige Sprache der Lyrik motivierte dabei das Projekt. Kann lyrische Sprache in Leichte Sprache übersetzt werden?
Die Ergebnisse des gemeinsamen Bearbeitens wurden am 19. Oktober 2026 in einer Lesung in den Straubinger Werkstätten St. Josef im Beisein des bayerischen Beauftragten für die Belange von Menschen mit Behinderung Holger Kiesel, der Öffentlichkeit präsentiert. Maike Berndt-Zürner umrahmte die nach Themen geordneten Gedichte mit Musikstücken auf der Violine bzw. der Flöte, die jeweils Bezug auf die thematische Gruppierung (etwa Natur, Liebe oder Politik) nahmen. Die Schauspielerin Henriette Heine las und performte die Gedichte in sensibler Interaktion mit der Musik.
Bekannte Gedichte in neuem Licht
Dabei wurde eindrucksvoll deutlich, dass Lyrik in Leichter Sprache zwar Versform und Rhythmus der Originale aufbrach, aber deren Stimmung, Poesie und ästhetische Dichte wahrte, ihnen bisweilen sogar einen moderneren, eindringlichen Zug verlieh. Die Gedichte von Johann Wolfgang von Goethe, Sarah Kirsch, Eduard Mörike, Joseph von Eichendorff, Renate Schmidgall, Rainer Maria Rilke, Ingeborg Bachmann, Bertolt Brecht und Charles Bukowski boten sich dem aufmerksamen Publikum so auf eine ganz neue Weise dar: Leichte Sprache als Medium poetischer Erfahrungen.
Die überaus positive Resonanz der Zuhörenden und die Förderung des Projekts durch das Bundesprogramm „Demokratie leben!“ im Rahmen der Partnerschaften für Demokratie Straubing „Wir sind Straubing“ bestätigten den Erfolg des Projekts, das fortgesetzt und u.a. durch eine Publikation nachhaltig in der literarischen Szene verortet werden soll.